SSIP e.V.       Sozialwissenschaftlicher Studienkreis für interkulturelle Perspektiven
Der Weg zum Frieden führt über den kultureller Austasuch und die Kooperation friedlicher Staaten.

Wofür wir stehen

Der SSIP ist ein Kreis von Gleichgesinnten, die die Verschiedenheit von Kulturen nicht fürchten,

die jede Kultur als in dauerndem Wandel befindlich sehen, die an den Dialog der

Kulturen glauben,

denen die Vorstellung unterschiedlicher Identitäten in einer Kultur keine Angst macht,

denen es eine normale Erfahrung ist, dass jeder Mensch mehrere Identitäten gleichzeitig haben kann,

denen es selbstverständlich ist, dass soziale Gruppen ihre Identität immer im Hinblick

auf ein Gegenüber definieren und dass Identitätszuschreibungen einem fortwährenden Prozess

immer erneuten Aushandelns unterliegen.

Der SSIP ist ein Kreis von Experten, die an dem gemeinsamen Haus Europa weiterbauen,

die überzeugt sind, dass die Gesellschaften Ost–, Ostmitteleuropas und auch die Mittelmeerländer

in diesem Haus nicht vergessen werden dürfen.

Der SSIP ist ein Kreis von Aktiven, die Feindbilder zwischen Nord und Süd demontieren wollen,

denen am kulturellen Austausch mit den Gesellschaften islamischen Glaubens als besonders aktueller Aufgabe gelegen ist.

Für den SSIP – wie für viele andere auch – ist „Kultur“ ein Konzept des Alltags.

Darüberhinaus glaubt der SSIP nicht an „Kultur“ als ein auf lange Dauer festgefügtes Ausstattungselement

von Gesellschaften. Kultur ist mehr ein Konzept der Differenz als der Substanz.

Mit „Kultur“ sprechen wir meistens über Differenz. Die Redeweise, dass Menschen eine Kultur „haben“, ist schon dazu

angetan, in die Irre zu führen.

Richtiger wäre es zu sagen, dass Praktiken, Objekte, Ideologien immer auch eine kulturelle Dimension haben.

Sich eine Kultur als container, als Rucksack, den jeder mit sich herumträgt, oder als Kugel, in die man

mit seiner Sprache und seinem Denken eingeschlossen ist, vorzustellen, war immer eine irreführende

Vereinfachung — manchmal ist sie harmlos, manchmal spielerisch-witzig.

Diese Vorstellung kann aber auch politisch und missbraucht werden, um bestimmte Menschen oder

Gruppen von Menschen als Feinde zu etikettieren.Hier tritt der SSIP entschieden für einen nicht-essentialistischen

Begriff von Kultur ein. Kultur ist eine unaufhörliche Praxis, die um Gleichartigkeit und Unterscheidung kreist.

Differenz trägt nicht unwesentlich zu den Identitätskonstruktionen, um die soziale Gruppen sich bemühen, bei.

Dieses theoretische Modell bemüht sich der SSIP mit Inhalten zu füllen.

In dieser Richtung will der SSIP die Diskussion unter Fachleuten, mit praktisch ausführenden Entscheidern und

in der Öffentlichkeit stärken.

In dem Kulturbegriff, den der SSIP vertritt, ist kein Platz für vermeintliche Vorprogrammierungen ethnischer, psychologischer

oder biologischer Art, kein Platz für Leitkulturen oder normativ verfestigte Kulturstandards.

Mit einem nicht-essentialistischen Verständnis von Kultur korrespondiert die Prämisse, dass kollektive Identität das

Ergebnis zeit- und situationsabhängiger Konstruktionsprozesse ist.

Von der „russischen Seele“ zu schwärmen, in „Kulturkreisen“ zu denken, „westliche Werte“ zu beschwören, vor

„den asiatischen Werten“ zu warnen — dies alles sind Essentialisierungen, die zuweilen in der Unterhaltung

amüsant sein können; meistens heben sie indes Gräben aus, wo keine sind, und ziehen Unterscheidungen

ein, derer sich der nächstbeste Nationalist und Fremdenfeind dankbar bedient.

„Der Chinese vermeidet um jeden Preis Gesichtsverlust“ ---‘Der Chinese‘ — der deutsche Geschäftsmann nicht?

„Briten schätzen Distanz. Man sollte von exzessivem Händeschütteln, Besserwisserei und Drängelei am Buffet absehen.“

Wird exzessives Händeschütteln, Besserwisserei und Drängelei am Buffet in anderen Kulturen goutiert?

„Südafrikaner sehen eher das Potential als das Manko. Das führt zu einem großen Optimismus.“

Wir wussten es ja schon: Der Neger ist ein fröhlicher Mensch.

Am 2.11.2016 verstieg sich Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) beim Deutschlandkongress der Unionsparteien zu der

Feststellung, wenn ein afrikanischer Mann 100$ verdiene, bringe er davon nur 30$ nach Hause.

Den Rest investiere er in „Alkohol, Suff, Drogen, Frauen“.

Das ist nicht mehr amüsant: das Bild vom Neger als animalischem und ungezügeltem Wesen.

In dem ARD-Film „Seit du da bist“ heisst eine fiktive Wiener Bar „Club der Polnischen Versager“, wo die dargestellten Polen

Wodka trinken, Gürkchen essen und etwas singen, was irgendwie slawisch klingt.

... natürlich — Wodka und fröhliches Singen, das ist „polnische Wirtschaft“ eben.

In seinem Buch über Theodor Storm („Du graue Stadt am Meer“, 2013) leitet Jochen Missfeldt den „eisernen Unabhängigkeitswillen“ und

das „ichbezogene Freiheitsempfinden“ des Dichters aus der Natur des rauen Landes, aus dem er komme, ab. Darum sei es kein

Zufall, dass „Schleswig-Holsteins große Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft an der Westküste geboren wurden“.

Da haben die Menschen aus verweichlichten Klimagegenden Pech.

Der Vorsitzende des Philologen-Verbandes Sachsen-Anhalt Dr. Jürgen Mannke, Direktor des Goethe-Gymnasiums in Weißenfels,

forderte 2015 in einem Artikel der Verbandszeitschrift seine Lehrerkollegen auf, deutsche Mädchen vor einem „oberflächlichen sexuellen

Abenteuer“ mit muslimischen Männern, die „nicht immer mit den ehrlichsten Absichten“ kämen, zu warnen.

Der dunkle, muskulöse Mann – war da zu lesen – sei per se, unkontrolliert und erotisch dynamisch.

Dr. Mannke hat sich entschuldigt.

Eng verbunden mit essentialistischem Denken ist die Vorstellung der notwendigen Reinheit und Homogenität „einer Kultur“.

Populismus, schrieb Dirk Pilz 2016 in einem Zeitungsartikel über die modernen Trumps, beginne immer damit, „ein Volk“ zu

konstruieren, eine homogene Masse zu erfinden, „der einheitliche Sehnsüchte und einheitliche politische Hoffnungen

unterstellt werden“.

Das Hybride, der Synkretismus — das muss pejorativ erscheinen aus dem Blickwinkel eines Denkens, das immer noch durch

das Ideal des „völkisch” reinen Nationalstaats im neuzeitlichen Europa verdorben ist. [...] Zuletzt kulminierte das

Homogenitätsdenken in der Chimäre von der Blutgleichheit aller „Volksgenossen“ und konnte im großen Stil dann die Reinigung des

Volkskörpers von allem als „wesensfremd“ Festgestellten in Angriff nehmen. Wo immer die Reinheit der Lehre gepredigt wird, ist es

Zeit, misstrauisch zu werden. Noch die unsägliche Rede von dem „Migrationshintergrund“ heutzutage verrät die jahrhundertelange

Gewöhnung ans Reinheitsdenken. Diesem ist normal nur das Genuine, das Unvermischte, dem unverhüllt seine Herkunft anzusehen ist.

Das Abweichende lauert im Hintergrund.

(Armin Triebel, Einleitung — Kultur nicht im Container, in: Armin Triebel (Hrsg.), Roswith Gerloff. Auf Grenzen. Ein Leben im Dazwischen

von Kulturen. On the Border. An In-Between Existence, Berlin: Weißensee 2016, S.22)